Auszug aus seinem Buch "Hans Bucher"

Doğan Firuzbay

Schweigen sehen

 

 

... als ob das Überwachen des Himmels eine der grossen Sorgen meines Schicksals sei.

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe

 

 

I

Zeigt sich der Himmel blau und makellos, sind von Hans Bucher, wenn überhaupt, beiläufige und ganz gewöhnliche Kommentare zu erwarten. Ziehen am Himmel aber Wolken auf, die wie schmelzende Eisberge vorbeidriften, Wolken, mir ihren feinen Schatten und ihrer Transparenz, so ruft Hans Bucher: "Schau her! Die Wolken! Es ist Wahnsinn!" - Er staunt und betrachtet denn Himmel als eine Leinwand, und während der Dämmerung als eine Palette, die sich in übersinnlichen Farben aufmischt. Alle Menschen haben schon alle möglichen Wolken gesehen, und darin gegenständliche oder ungegenständliche Bilder. Hans Bucher denkt sich dabei: Wie werden Wolken gemalt.

 

II

Hans Bucher malt durch alle seine Bilder hindurch am gleichen Bild. Seine Haltung beim Malen ist sehr diszipliniert und kontinuierlich, und sie hat, falls sich das so sagen lässt, etwas fernöstlich Konzentriertes. Er vergisst sich selbst und treibt während der Arbeit dahin. Selbstverständlich hat er eine Ahnung, einen Plan, eine Absicht. Doch jeder sich einmischende Verstand, mit seiner eitlen und übereifrigen Intelligenz, hat hier keinen Platz. Hans Bucher überlässt sich der Intuition und er schnorrt sich an seinen inneren Gerüsten und eingeborenen Handfertigkeiten vorbei, um das Denken auszuschalten, damit Bilder ungehindert aufsteigen können. Kapillarkräfte. Die Bilder entstehen in intensiven Malsitzungen, so dass er am Schluss, sozusagen beim Wiedereintritt in die normale Zeit, das Gefühl hat, als ob kein einziger Moment vergangen wäre. Denkt er über seine Arbeit nach, betrachtet er das Produkt und den Malfluss, erlebt er alle möglichen Befindlichkeiten. Und oft auch den Zweifel. Dieser kann Auslöser sein, dass er während Jahren keinen Pinsel mehr anrührt und sich blockiert fühlt. Dann geniesst er das Leben, vergnügt sich, und hofft darauf, dass er sich nie mehr um die Malerei, die Kunst, um Galerien und Kuratoren zu kümmern braucht. - Umgekehrt sehe ich ihn während solcher Perioden manchmal nörgeln und schimpfen. Seine Palette scheint zerschlagen, und wenn er in diesen Zeiten den Himmel verwünscht, so weiss er genau, dass dieser schuldlos ist, und dass er die Antworten alleine in sich selbst finden muss. Dann malt er im Kopf. Gemälde entstehen hier, auf einen Schlag und in Gedanken, unbefriedigend allerdings, da sich ganze Serien übereinander drapieren, ungeboren schmorende Bilderseelen.

   Nach dieser Verpuppung, einem künstlerisch raupenartigen Übergangsstadium, ist seine Produktion dann plötzlich wieder da. Nicht zögerlich und langsam, sondern, wie bei einer elektrischen Schaltung, augenblicklich. Danach malt er wieder konstant und beharrlich, täglich.

 

 

III

Vielleicht sind nicht nur die Werke oder die Malpraxis so ausserordentlich, sondern auch die Vorbereitungen dazu. Hans Bucher tätigt Erkundungsgänge, betreibt Nachforschungen und Sondierungen, Auslegungen von verschiedenen Möglichkeiten, spitzt Thesen zu, Favorisierungen und Verwerfungen, das Drehen und Wenden, wie sich später herausstellt, von Scheinlösungen, Wut Ungemach und Verzweiflung, Aufrappelung, Neubesinnung und Glück durch Erkenntnisse, der Untätige und der Ordnende, und so weiter, im Grunde alles Zustände, die beim Malen keine Rolle mehr spielen, oder eben doch, weil sie bereits zu seiner Intuition geworden sind.

   Seine Sorgfalt, und er gerät vom Hundertsten ins Tausendste, kann sich dabei solcherart verdichten und versteigen, dass bereits Handwerker oder Gewerbetreibende, deren Hilfe er beansprucht hat und die solche Ansinnen gar nicht kennen, in Nervennot verfallen sind. Ich erinnere mich an einen Fotohändler: Der arme Mann keuchte unter der Last, während Hans Bucher seine Ansprüche und Bestellungen in aller Ruhe immer präziser und immer noch eindringlicher vortrug.

   Die Auswahl seiner Arbeitsutensilien wird gewissenhaft geprüft und es finden Tests statt. Seine Instrumente, zum Beispiel Fotoapparat, für ihn eine Art Notizbuch oder Botanisiertrommel, die Beschaffenheit einer Arbeitsfläche, deren Stabilität und Höhe, alle erdenklichen Einrichtungen und Gegenstände, die für die Entstehung eines Kunstwerks auch nur am Rande eine Rolle spielten, werden auf ihre Tauglichkeit hin untersucht, verbessert und wenn nötig ausgetauscht.

 

IV

Hans Bucher verfolgt interessiert das Kunstgeschehen und die verschiedenen Entwicklungen. Gleichzeitig ist er davon unbeeindruckt, dagegen imprägniert und immunisiert: Seine Ventile regulieren den Zustrom. Natürlich existieren künstlerische Beeinflussungen, wenn ihn ein Werk besonders stark berührt. So besitzt er zum Beispiel von Giorgio Morandi zweifellos die beste Literatur, doch diese Bildbände stehen eifersüchtig und beleidigt in seinen Regalen, weil er es nie wagen würde, die Buchdeckel zu öffnen, aus einer Achtung heraus, und weil er befürchtet, dass dann seine Netzhaut erstarrt.

   Zwischen Hans und mir, obschon wir ein prächtiges Auskommen haben, können manchmal Spannungen entstehen, wenn wir an Randzonen der konzeptuellen oder aktuellen Kunst entlang diskutieren. Mein eigenes Interesse für Werke, die auf den ersten Blick bedeutungslos oder einfältig erscheinen, die mit minimalem Pulsschlag auskommen wollen oder müssen, die dünne Luft atmen, die meinen eigenen Kunstdetektor und meine Abtastinstrumente fordern und manchmal spalten, die mich zwingen, den Code zu knacken, die teils nicht einmal eine besondere Ausstrahlung haben, die aber meiner Meinung nach eine lange Halbwertszeit und Tiefe besitzen, oder noch abstrakter, wenn ich zum Kern eines Werks nicht vordringen kann, meine Intuition es aber trotzdem bejaht, dann können solche Untersuchungen intensive Auseinandersetzungen auslösen. Kunstwerke kommen so auf den Prüfstand, werden geröngt, und Hans Buchers "Des-Kaisers-neue-Kleider-Blick" verfährt dann manchmal ohne Gnade, während ich, juristisch gesprochen und bis das Gengenteil erwiesen ist, für diese oder jene künstlerische Arbeit plädieren will. Die Kunst ist eine grosser Verdauungsapparat, ein Magen in einem Hirn. - Und dennoch ist Hans Bucher vom aktuellen Schaffen inspiriert. Er mag Botero. Von Francis Alÿs oder Luc Tuymans betrachtete er fasziniert Arbeiten. Oder die Videokunst von Steve McQueen, zum Beispiel "Deadpan" (deutsch: ausdruckslos), in der die Stirnwand eines Hauses langsam umkippt, während unten, ohne eine Miene zu verziehen, der Künstler selber steht, dem nichts geschieht, weil er sich genau an der Stelle befindet, wo die Fensteröffnungen des ersten Stockwerks ist.

   Hans Bucher sagt stets, dass sich seine Bilder von selbst malen würden, er sei dabei nicht beteiligt. Das Malen erlebt er nicht als Anstrengung. Die teils mit grosser Genauigkeit komponierten Bildinhalte, sowie Nuancen und Details, wie zum Beispiel in den Zündholzschachtelbildern, entstehen als wäre nichts. Oft kann er sich nicht erinnern, wie er dieses oder jenes kleine technische Problem gelöst haben mag.

   Der Künstler legt keine Rechenschaft ab.

Durch ihn hindurch rechnen sich die Dinge neu.

Der Künstler ist, wenn er arbeitet, ohne Identität. Deshalb entsteht das Neue, das wie durch ein Vakuum nachgezogen wird. In diesem Sinn ist der Künstler viel mehr ein Medium. Es sitzt im Tower und die Flugbewegungen geschehen durch seine Intuition und es gibt keine Unfälle. Im Hangar, selbst für den Künstler nicht sichtbar, werden Maschinen überholt und es entstehen neue Modelle.

   Ein Kunstwerk ist ein System mit Elementen, die sich logisch zu einander verhalten, deren Lösungen und Ursächlichkeiten vom Künstler bestimmt werden. Eine neue Ordnung, wie auch immer. Eine Kette von Bedeutungen, mit anders angeordneten Gliedern, frei und zwingend zugleich. Das Kunstwerk atmet die Luft, die es selbst produziert. Es erzeugt ein eigenes Zeitmass, es schlägt die Zeit tot, es denkt sich selbst, es hat zu allem, was nicht dieses Kunstwerk ist, die Leinen gekappt und es ist eine eigene Dimension, die mit sich selbst flüstert. Der Betrachter ist ihr Zuhörer.

   Hans Buchers Malereien haben kein Ich , sie haben keine Identität, sie sind absichtslos, sie sind vor uns, und wir wissen, dass sie notwendig sind, und dass sie genau in dieser Form, wie sie da erscheinen, sein müssen. Wir haben keine Ahnungen von den Geheimnissen, die uns darin begegnen, aber wir wissen, dass wir sie spüren. Wir ergehen uns in Mutmassungen und wir  kehren an den Ausgangspunkt unserer eigenen Gedanken zurück. Ich betrachte ein Bild mit einem Hausflur. Geradeaus, links und rechts sehe ich verschlossene Türen, ohne Türklinken. Hans Bucher malt ein Schweigen, das wir mit den Augen hören können.

 

 

V

Shining, den Spielfilm von Stanley Kubrick, kann ich mir heute nicht mehr ansehen, ohne an Hans Buchers Türen und Gänge zu denken: In den Bergen, in einem Hotel mit einer krankhaften, symmetrischen und immensen Architektur, wird während des Winters der Schriftsteller Jack Torrance (Jack Nicholson) als Hauswart angestellt. Er ist von den menschenleeren und endlosen Räumen des Hotels gefangen genommen und allmählich bemächtigt sich seiner der unruhige und unheilvolle Geist des Hauses. Sein Sohn Danny kurvt mit dem Dreirad durch die Flure, und über dessen Schultern hinweg, in Kubricks Einstellungen, sehe ich Buchers Türen.

   Selbst wenn ich in seinen Bildern nichts Gruseliges oder Ungutes finde, spüre ich Abgründe, und seien diese nur von mir hineininterpretiert. Ich sehe in Verborgenes hinein, in Untergründiges, Katakombisches, Sauerstoffloses, in einen "inneren Maulwurf": Röchelnde Rohre, sich windende Kabel, ein Nagel, der sich in der Fläche verliert, Eingeweide von Puppen, wie auf dem Seziertisch, wie Kriegsopfer. Das alles sind Eingebungen, die ja nur ich selbst produziere. Hans Buchers Malerei wurde wiederholt als kafkaesk beschrieben. Bei seinen Bildern stehen wir oft vor Räumen, in denen wir uns Hans Bucher in bester Weise als Hauswart vorstellen können, der alles in Ordnung hält, und wenn wir aus der Betrachtung heraustreten und wieder auftauchen, erwarten uns am Ende aller Assoziationen wieder das Bild, unverrückbar, einfach und klar komponiert, der sorgfältige und sanfte Farbauftrag, und ganz am Schluss Buchers Humor.

 

 

VI

Hans Bucher verschlingt literarische und philosophische Werke und er besitzt eine eigensinnige Spiritualität. Die Institution Kirche interessiert ihn nicht sehr. Auf die Kirchenoberene, vor allem wenn sie von ihrer Funktion aufgefressen werden, das heisst, wenn die Hörigkeit sich selbst hörig ist, taube Hierarchien das Thema zudecken und es sich inst Gegenteil verkehrt, reagiert er allergisch und fächert abwinkend. Hingegen hat er von seinem hinteren Balkon aus einen wunderbaren Ausblick auf die beiden Türme der Hofkirche, deren Glockenbimmel in einem gewissen Sinne zu seinem Inventar gehört.

   Im Inneren der Kirche sehe ich in Gegenständen eine Aura des Aufgeladenen, sowie farbliche Mischtöne, wie ich sie in Hans Buchers Malereien zu erkennen glaube. Wenn wir das Gotteshaus betreten und in den Kirchenschiffen herumwandeln, als ob wir in einen Hafen einlaufen würden, von den Ritualen und von den Lichteinfällen gerührt, wenn wir die Ruhe geniessen, die den Altar, die Kanzel und den Chor umgeben, - Gottes, Zementsäcke wollen entmaterialisiert werden! - wenn über der Apsis das Auge der Dreifaltigkeit leuchtet (es ist auf jeder ein-Dollarnote abgedruckt), dann ist eine Atmosphäre, ein Numinoses im Raum, das Hans Bucher vereinnahmen kann. Allerdings passen bestimmte rituelle Praktiken, eine gewisse Moral, die wie Weihrauch umherschwebt, nicht zu seinen spirituellen Selbstverständnis. Hans Buchers Haltung ist immer respektvoll. Wenn aber auf einer behaupteten Wahrheit ein Schatten liegt, so kann er manchmal blasphemisch oder anarchisch auftreten, und er geht dann den heiligen Kühen an die Hörner und an die Zitzen. Bei den Themen des Glaubens, welcher es immer ist, interessieren ihn die tieferen Erkenntnisse, die da sind, und nicht die um sie herwehenden und oft missverstänlichen Umstandsröcke.

 

 

VII

Hans Bucher wurde 1931 in Kerkrade, Holland, geboren. Die Stadt war arm, die Männer arbeiteten im Kohlenbergwerk, und sie waren alle schwarz davon. Franz Bucher, der Vater, war in der Grube als Elektriker angestellt. Die Familie, es sassen fünf Kinder am Tisch, war nie richtig ansässig und änderte oft den Wohnort. Bald zog sie nach Dison bei Verviers, Nordbelgien. Die Mutter, Katharina Beckers-Schonbrod, war in der Familie tonangebend, und sie sorgte in der Zwischenkriegszeit, und auch später während des Krieges, mittels Schmuggelgut für ein zusätzliches Einkommen, welches die Familie dringend brauchte. Sie machte kleine Händeleien und brachte Kaffee, Zucker und Seidenstrümpfe über die Grenze, Pakete, die in der Wohnung zwischengelagert und vor Razzien versteckt wurden. Hans Bucher bewunderte seine Mutter. Seinem Vater gegenüber empfand er Liebe und auch Mitleid, infolge seiner Invalidität war er behindert und deshalb scheu. Es existiert kein Radio und zu dieser Zeit gab es wenige Ablenkungen. Man sass zu Hause und erzählte sich Geschichten.

   1940 marschieren die deutschen Truppen in Belgien ein und die Kapitulation der belgischen Armee erfolgt nach achtzehn Tagen. Die Zeit ist aus Blei und es regiert die Angst. Die Wirtschaft liegt brach, und wohin man blickt, sind die Räume leer (besteht hier ein Zusammenhang mit Buchers späteren Malerei?). Die Familie flüchtet sich bei Bombenalarm in den Kohlenkeller und lauscht den Sirenene.

   Es sind keine Zustände. Das schweizerische Rote Kreuz bietet Auslandkindern einen Erholungsaufenthalt von drei Monaten. 1941 kommt Hans Bucher in die Schweiz, und zog zuerst nach Zürich. Während dieser Zeit wohnt er im gleichen Haus wie das Cabaret Cornichon, und als Bub hört er in diesen Monaten beissende Kommentare gegen einen Mann namens Hitler. Weil sich die Lage nicht bessert, wird beschlossen, dass der Junge in der Schweiz bleiben soll. Hans Bucher wird nach Emmenbrücke zu seinem Firmgötti Johannes Bucher und dessen Frau Frieda, seinem Onkel und seiner Tante, gebracht, und er wächst dort auf. Er ist jetzt elf Jahre alt.

   Hans geht zur Schule und lernt die Sprache schnell. Als Schüler ist er äusserst begabt und beim anderen Geschlecht sehr beliebt. Die Gastfamilie ist arm. An Weihnachten erhält er jeweils ein Buch für fünf Franken und frische Unterwäsche. Es ist auch der einzige Tag des Jahres an dem ein grosser Lebkuchen mit geschlagener Sahne, sowie Orangen und Nüssen auf dem Tisch stehen. Hans Bucher ist hier sehr glücklich.

 

 

VIII

Er absolviert die Handelsabteilung mit Diplom und weiss, dass er hier nicht am richtigen Ort ist. Daraufhin besucht er, zu Zeiten von Werner Andermatt und Max von Moos, die Kunstgewerbeschule in Luzern. In Ermangelung einer Mahlklasse entschliesst er sich für die Grafikabteilung. Er schlingert sich durch die Ausbildung, hat viele Absenzen. Er geht lieber ins Apollo und schaut sich Filme an. Der Rektor sagt am Schluss, er könne noch immer nicht zeichnen. Es zeigt sich aber schon früh eine ausdrückliche Beharrlichkeit, und wenn er einmal sein Thema eingekreist und bestimmt hat, so besteigt er es, höhlt es aus, seziert und zerpflückt es von allen Seiten. In dieser Zeit beginnt er mit der eigenen künstlerischen Arbeit. Er gründet eine Familie. Den Lebensunterhalt verdient er als Zeichenlehrer, was ihm von finanziellen Sorgen befreit, und er kann sich der Malerei widmen. In der Anstellung redet er, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und seine Vorgesetzten mussten sich manchmal von seinen Dreistigkeiten wieder erholen. Seine Zöglinge hatten ihn äusserst gern.

   Hans Bucher hat sieben Kinder aus zwei Ehen, und so kann es sein, dass der eine Sohn mit der Enkeltochter, also Onkel und Nichte, dieselbe Schule besuchen. Mit den zwei jüngsten Buben spielt er Schach und das oft um Geld. Sie sind schlau. Ohne dass der Vater es merkt, wird während des Spiels nachgeschenkt und das Glas gepanscht; die Konzentration schwindet, die Dame fällt, und die beiden Stecken als Sieger die Prämie ein. Hans Bucher sagt, er lerne. Er liebt seine Kinder sehr. Die Familiengeschichte ist eine Riesengeschichte.

 

 

IX

Eine Episode, vor etwa zehn Jahren: Hans Bucher erhält soeben für eine Malerei die stattliche Anzahlung von 8500 Franken, bar auf die Hand. Um sich der lästigen Verantwortung zu entledigen und weil er soeben zu seinem Häuschen in Lodano, das heisst zu seinem Atelier im Tessin, fahren will, möchte er den Betrag schnell noch auf der Bank hinterlegen. Die Bank ist aber geschlossen, ein katholischer Feiertag. So verstaut er das Geld in der Brusttasche seiner Jacke, geht zum Luzerner Bahnhof und wartet auf den Zug. Der Tag ist zu heiss und die Kleider kleben, weshalb er die Jacke auszieht und diese lässig über sein Handgepäck wirft. Er besteigt den Zug. Die Jacke, sie glitt hinunter, bleibt auf dem Boden liegen. Auf den nächsten Umsteigebahnhof in Arth-Goldau sieht er erst das Missliche, ein Blitz durchgeht ihn: Die Jacke. Das Geld. Er nimmt ein Taxi zurück nach Luzern. Der Chauffeur wählt einen geschwätzigen Umweg und die Fahrt verlängert sich umständlich. Hans Bucher schenkt der Situation keine besondere Aufmerksamkeit, er wird ruhig und innerlich geradezu windstill. Er denkt bei sich: Entweder gehört das Geld mir, oder es gehört mir nicht; es ist dort, oder es ist es nicht. In Luzern am Bahnhof staunt der Taxifahrer über ein mehr als fürstliches Trinkgeld. Er wird sich fragen, womit er das verdient hat, den Sinn der Fahrt ist ihm mittlerweile bekannt. Schliesslich auf dem Bahnsteig ist die Jacke noch da. Sie liegt unter der Bank. Bucher greift in die Brusttasche und umfühlt das Notenbündel. - Von der Seite sagt ihm eine deutsche Touristin mit freundlicher Stimme, dass soeben noch einige Lausbuben fast verdächtig auf dieser Bank herumgeritten seien und getoben haben, bevor sie den Zug bestiegen hätten. Ob das denn wirklich seine Jacke sei? ... Hans im Glück.

 

 

X

Hans Bucher schmiedet sein Glück selbst, oder umgekehrt, sein Glück schmiedet ihn. Ist er von einem bestimmten Wunsch eingenommen und beseelt, so begegnet er diesem mit Heiterkeit und Gelassenheit. Er lässt ihn gären, und er strengt sich nicht an, damit dieser in Erfüllung geht. Er kennt das trügerische Hoffen, das in Untiefen insgeheime Erwartungen keimen lässt und falsche Schönzeichnungen erfindet.

   Es ist nicht wirklich wahr, dass Hans Bucher, wenn er etwas Bestimmtes wünscht, gar nichts tun würde. Er handelt unauffällig und ruhig. Im Grunde nimmt er dabei dieselbe innere Haltung ein, wie beim Malen. - Das zeigt sich besonders bei seiner Leidenschaft für Wohnungen. Zum Beispiel bei der Bruchmattstrassen-Situation. Hans Bucher spaziert in der Nähe des Untergütsch. Er sieht ein Haus und ist verzaubert. Zwar handelt es sich um eine Liegenschaft ganz ohne Pomp, im Gegenteil, sie ist schier erbärmlich und es bröckelt auch leicht. Doch sie ist in ihrer bescheidenen Art atmosphärisch so gut bestückt, dass Hans Bucher einfach denkt, hier will ich wohnen. Er meldet sich beim Vermieter im zweiten Stock über der heutigen Meridiani-Bar, und es heisst, es fände zufällig ein Mieterwechsel statt, doch er käme viel zu spät, denn achtzig gute Bewerber wären bereits vorhanden, das Rennen sei gelaufen. Hans Bucher geht nach Hause und verfasst einen Brief von drei Seiten. Er beschreibt inniglich, was für ihn dieses Haus bedeute. Von genau dieser Beschaffenheit ders Kinderspielplatzes nebenan, die Sicht auf den Pilatus, und wie das Haus und er selbst wie zwei alte Seelen wären, die einander schon lange kennen würden. Ein Liebesbrief an das Haus. Hans Bucher bekommt den Zuschlag.

   Solche Situationen gab es in sieben Jahrzehnten viel: Es gab sie beim Haus an der Hexentreppe, es gab sie beim Lamperdinger Bauer, als er bei Kafi Zwetschgen um den Oberrütihof feilschte, es gab es damals bei seinem prächtigen Anwesen in der Toscana, als nicht alles so lief, wie es sein sollte, aber am Ende noch viel besser als je gedacht, und wenn man den "Zählerstand" von 22 Wohnungen und drei Häusern bedenkt, als Zwischenbilanz, in denen Hans Bucher in wechselnden Konstellationen bereits lebte, dann kann man sich vorstellen, dass das Schicksal selbst auf den Hund kommt, bei so viel Verlagerung und Umtriebigkeit. Dabei sind Umbauten und aufwändige Renovationen weniger eine Ablenkung von der Malerei, als eine aktive Vorbereitung und Auseinandersetzung zu ihr hin. Das zeigt sich vor allem in den "Räumen".

 

 

 

XI

Was ist das Leben, wer weiss das schon… Ein Traum, ein Gewebe, ein Schluckauf, eine Unternehmung, eine hübsche Frisur, eine Gebärabteilung, ein Urteil, ein Herzschrittmacher, eine umgekehrte Erosion, ein «sausender Webstuhl» oder eine Baustelle, eine Tretmühle, eine Galanterie, ein fauler Witz, eine Erleuchtungsmaschinerie, oder etwas: die Malerei?

            Hans Bucher lässt den Dingen freien Lauf, auch in seiner Malerei. Die Gegenstände und Dinge haben hier genügend Raum. Der Astralkörper der Dingheit. – Auf einem Bild sehe ich einige Zündhölzer gemeinsam mit ihren projizierten Schatten aus einer Schachtel fallen. Ein einziges Zündholz hat hier keinen Schatten und es fällt mit den anderen mit.

            In einem anderen Bild ist der Schatten eines Rohres zu sehen. Aber ein Rohr ist nicht vorhanden. Es existiert nicht.